Handwerk auf modern

Der Marbecker Tischlermeister Thomas Cluse reizt die Grenzen der CAD- und CNC Technik aus. Dabei kommen einzigartige Objekte und Formgebungen heraus – aus Holz, aber auch aus anderen Materialien.

Es war der schon bildhauerisch anmutende Torso einer Frau, der den Durchbruch brachte. Eine Büste aus Holz in Originalgröße, die nicht von Hand sondern von einer Maschine gefertigt wurde – das hatten die Kollegen aus der Branche noch nicht gesehen.

Und Thomas Cluse, Tischlermeister aus Marbeck, konnte ihnen noch mehr raffinierte Dinge zeigen, die auf seiner 5-Achs-CNC-Fräse entstanden waren. Zum Beispiel geschwungene Bürotische mit unsymmetrischen Rundungen, Leisten und Profile mit ungewöhnlichen Radien, wellenartig gefräste Oberflächen, in Holz eingelassene Gravuren und Schriftzüge, und, und, und …

Das alles liegt rund fünf Jahre zurück und führte zu einem Boom, den sich der gewiefte Tüftler aus Marbeck kaum vorgestellt haben wird. Dass allerdings enormes wirtschaftliches Potential in der 3D-Technik und seinem hochmodernen CNC-Bearbeitungszentrum liegen würde, dessen war sich Thomas Cluse immer sicher.

„Jede Geschäftsidee beginnt ja irgendwie mit einer Spinnerei“, schaut der Tischlermeister zurück.

Als er 1996 den traditionsreichen, mittelständischen Familienbetrieb von seinem Vater Alfred übernahm, war damit auch die Suche nach Marktnischen und einer eigenen Handschrift verbunden, durch die man sich von den Mitbewerbern abheben kann.

Thomas Cluse spezialisierte sich auf den hochwertigen Innenausbau und Möbelbau, auf Büroeinrichtungen und Sonderanfertigungen. Die eigene Handschrift wurde vor allem durch eine Eigenart geprägt: „Bei mir muss alles rund sein. Ecken und Kanten empfinde ich meist als störend“, erläutert Cluse. Und weil er die Möglichkeiten der CNC-Technik erkannte, investierte er frühzeitig in diese Technologie.

Der wirtschaftliche Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Die angeschaffte 3-Achs- Maschine reichte aber ebenso schnell nicht mehr aus, um alle Wünsche und den eigenen Anspruch an die Arbeit zu befriedigen.
2007 wurde sie daher durch ein 5-Achs-Bearbeitungszentrum ersetzt, das über nahezu unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten verfügt.

Um diese Möglichkeiten auszuschöpfen, bedurfte es allerdings wiederum der Bereitschaft, sich intensivst mit der zugehörigen Computer-Software auseinanderzusetzen. Die Stunden hat Cluse nicht gezählt, „aber es waren viele“, wie Ehefrau Thia bestätigen kann.

Heute gilt der Marbecker Tischlermeister als absoluter Experte für diverse CAD-Programme, dessen Rat gefragt ist und auch bezahlt wird. Mittlerweile scannt Cluse selbst Objekte in 3D-Technologie ein, gestaltet Objekte auf Grundlage von Zeichnungen aus und schickt sie auf die Fräse. Dabei kommt ihm seine große Materialkenntnis des Werkstoffs Holz entgegen, denn nicht alles was am Bildschirm gestaltbar ist, funktioniert auch in der Realität.
„Die unterschiedlichen Fräser müssen strategisch richtig eingesetzt werden, damit ein optimales Fräsergebnis entsteht“, erläutert der Handwerker. Hinsichtlich der Größe der Objekte wiederum gibt es kaum Grenzen. Zwar schafft seine 5-Achs-CNC-Maschine nur Materialhöhen bis 320 Millimeter, „aber Holz lässt sich ja auch in Einzelteilen fertigen und dann verleimen“, so Cluse. Auch zwei seiner Mitarbeiter beherrschen mittlerweile die Grundlagen der Technologie.

Weil der Marbecker die Möglichkeiten von Software und Maschine weiter auszureizen vermag, als viele andere, und auch vor „fremden“ Materialien wie Kunstharzen, Metall und Gummi nicht zurückscheut, werden mittlerweile immer neue Auftraggeber auf die kleine Firma in Marbeck aufmerksam.

Yachtenbauer und Hersteller aus dem Bereich Flugzeugbau wollen Lösungen von ihm. Firmen aus der Metallgusstechnik und dem Modellbau lassen Formen und Werkzeuge bei ihm fräsen. Und zahlreiche Kollegen aus der Tischlerbranche nutzen sein Knowhow. Jüngst kam sogar ein Auftrag von einem österreichischen Orgelbauer, der ein ausgefallenes Kranzprofil für eine Kirchenorgel erneuern musste. „Den haben wir persönlich gar nicht kennengelernt, das lief alles per Fernkontakt“, berichtet Thia Cluse.

Dabei zeigte sich ein weiterer Vorteil der 3DZeichnung: Sie zeigen realitätsgetreu, was am Ende herauskommt. Diesen Vorteil nutzt Thomas Cluse auch in seinem traditionellen Geschäftsfeld, dem Objekt- und Möbelbau. So lassen sich komplette Bürolandschaften in 3D am PC zeigen, inklusive der Form, Farbe und Haptik der späteren Einrichtung. Das überzeugt nahezu jeden Kunden. Und wenn der Tischlermeister noch seine Argumente hinsichtlich Ergonomie und Gefälligkeit vorträgt, hat er meistens gewonnen.

Thomas Cluses Leidenschaft für die moderne Technologie ist ungebremst. „Man muss es ein wenig wie ein liebgewonnenes Hobby sehen“, meint der Tischlermeister. Wenn Zeit ist, experimentiert er weiter, beschäftigt sich mit anderen Materialien, sucht neue Herausforderungen.

Der persönliche und der wirtschaftliche Erfolg könnten Anlass für eine enorme Expansion sein. Doch Cluse bleibt mit beiden Beinen auf dem Boden. Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht unverständlich, hat aber seinen Grund. „Wir sind ein mittelständisches Unternehmen und wollen es auch bleiben. Wenn man vor lauter Arbeit seine Familie vernachlässigt und keine Freizeit mehr hat, dann hat man etwas falsch gemacht“, sagt der Marbecker.

(Quelle: Mokka 02/2012 – Autor Ewald Kremer)