Auf Biegen und Nicht-Brechen

Wo das Runde anfängt, hört der Verdienst auf“ – mit diesem Spruch seines Vaters ist Thomas Cluse aus Borken aufgewachsen. Wohl wegen dieser Worte, mutmaßt der Tischlermeister in dritter Generation, begleitet ihn eine Vorliebe für die Rundung als Herausforderung seit seiner Jugend. Nicht gerade günstig in einem Handwerk, in dem Ecken und Kanten das Maß der allermeisten Dinge sind. „Runde Formen wirken aber einfach harmonischer“, sagt Cluse. Das Gute: Weil viele so denken wie sein Vater, versuchen sich nur wenige an dreidimensionalen Holzobjekten – und Cluse ist als Tischler mit diesem Spezialgebiet gesuchter Experte auf dem Markt.

Denn die Sehnsucht nach gebogenen Holzformen verfolgt Schreiner, Architekten, Yachtbauer und Künstler seit Jahrhunderten. In den 1850er Jahren brachte Michael Thonet jene Technik zur Industriereife, bei der Holz in Wasserdampf erhitzt wird – und sich dann biegen lässt. Seine Stühle sind der Design-Klassiker schlechthin.

Cluse dagegen setzt auf moderne Frästechnik, um hölzerne Schreibtische, Verkleidungen, Modellbau- Gussformen und Skulpturen herzustellen. „Als ich vor 13 Jahren das erste Mal eine Maschine gesehen habe, die in drei Achsen fräste, dachte ich:

Das ist ja doll, das will ich auch!“ Er kauft eine, dazu die passende Software. Mit ihr lässt er die Objekte wie aus Knete zunächst am PC entstehen. Und entwickelt dann mit einem weiteren Programm die passende „Fräs-Strategie“: „Man kann ja die Maschine nicht einfach losarbeiten lassen. Geht es etwa quer zur Maserung, platzt einem im Zweifelsfall alles weg.“ In einer Art Schiffe-Versenken definiert er mit der Software deshalb vorab die Koordinaten für jeden Weg, den unterschiedliche Fräsen-Typen später gehen. „A3 auf C14“, „B9 auf E5“ – bei Skulpturen sind es schon mal eine Million Befehlszeilen, die er an die Maschine sendet. Wie etwa für den Frauentorso aus MDF: Dieser steht heute bei einem italienischen Hersteller für Fräsmaschinen. „Die waren so begeistert davon, dass der Torso heute ihr Maskottchen ist. Und auf Messen am Stand steht – damit Besucher sehen, was mit der Technik möglich ist.“

Bis Cluse wusste, was ihm selber alles möglich ist, vergingen sieben Jahre. „Ich war ja absoluter Informatik-Laie. Aber nach dieser Zeit war ich mir sicher, dass ich die Software und die Fräsmaschine, die inzwischen in fünf Achsen arbeitet, im Griff habe“, erklärt der 48-Jährige. Mittlerweile kommen Architekten, Bootsbauer und Tischlerkollegen, um in Cluses Werkstatt zu staunen.

Und aus aller Welt loggen sich Kunden auf seinem PC ein, um eigene Wünsche durchzuspielen – vom Ring aus Ebenholz über Schmuckelemente für den Gartenzaun bis zum Gebiss aus MDF. Grenzen? Sieht er keine. „Wir sind ein kleines Unternehmen – wenn ich etwas nicht gleich lösen kann, lege ich den Stift nicht um vier zur Seite sondern tüftele und probiere so lange, bis es klappt.“

Tüfteln und Probieren – das kennt auch Serge Lunin aus Zürich. Der Gestalter und gelernte Schreiner entwickelte mit einem Studenten seiner Hochschul-Kurse über Jahre hinweg eine alte Einschneidetechnik weiter. Bereits im Zweiten Weltkrieg hatte man Holzsohlen durch Schnitte die Spannung genommen. Lunin testete mit Tiefen, Breiten und Abständen so lange, bis die gegenläufigen und regelmäßigen Einschnitte das Holz in eine Art Gewebe verwandelten – Lunin nennt es „dukta“. „Das Material lässt sich biegen, in Wellenform bringen, zum Kreis drehen, wickeln – wie ein Textil“, erklärt er. Nach weiteren Jahren Grundlagenforschung steht nun die Kommerzialisierung an. „Das Ganze war lange ein Spiel. Aber jetzt muss es einen Schritt weiter gehen“, sagt Lunin, der die Dukta GmbH inzwischen mit seinem Sohn, einem Industriedesigner, leitet. Besonders für ein Produkt sieht er Chancen: wellenförmige Matten („Dukta Sonar und Linar“) als Decken- und Wandverkleidung

oder als Paravent („Dukta Janus“). „Wir haben bemerkt, dass diese Matten Schall absorbieren. Und zwar so gut, dass die Techniker ihre Messgeräte neu kalibrierten, weil sie dachten, die Werte seien fehlerhaft“, sagt Lunin. Mit dieser Eigenschaft eignen sich die Matten perfekt für alle Räume, in denen die Akustik wichtig ist, Schall nicht reflektiert werden soll: Kinos etwa, Tonstudios, Restaurants – und Großraumbüros. Zwei Probleme allerdings stehen Lunin im Weg: „Die akustischen Maßnahmen kommen am Ende, wenn das Gebäude steht. Da ist die Kasse leer – und man verkleidet lieber mit günstigeren Gipsplatten. Zudem ist der Brandschutz oft sehr wichtig, da haben unsere Matten noch nicht die besten Werte.“ Ein Pilotraum mit Dukta-Matten aber wird gerade eröffnet: der große Konzertsaal der Zürcher Hochschule der Künste. Auch Lampen und Skulpturen sind bereits zu kaufen. Für Europa hat Lunin ein Patent angemeldet – aufgenommen wird die Technik aber von Designern, Künstlern und Architekten aus aller Welt. „Etwas vom Schönsten sind die Ausstellungen. Zu sehen, wie die Leute staunen, dass Holz so beweglich sein kann – das ist unglaublich erfüllend.“ Tischlermeister Cluse sieht es ähnlich: „Es ist Wahnsinn, wie vielfältig sich Holz inzwischen in Szene setzen lässt. Dafür, dass man inzwischen so viel damit aussagen kann, ist das Wort mit seinen vier Buchstaben eigentlich viel zu kurz.“